Happiness in Dosen

Ich befinde mich kurz vor Berlin auf einer Wiese mitten im Wald. Um mich her rennen diverse Leute, in ihren Händen Mehl, Haargel, undefinierbare Flüssigkeiten, Sprühdosen mit Schlagsahne und Rasierschaum, … . Hin und wieder sieht man eine halbnackte Person über die Bildfläche rennen, von oben bis unten vollgekleistert mit diversen braunen, weißen, schwarzen, gelben Auswüchsen der Fantasie. Auch der Matsch aus den Pfützen und dem nahegelegenen Bach zeichnet unverkennbar, gespickt mit einigen Grashalmen, die Körperkunstwerke. Nein, als Wet T-Shirt Contest kann man das nicht mehr bezeichnen, da sind andere Mächte am Werk. Kindliche oder wollen wir sagen: post-infantile Vorstellungen von völliger Freiheit, dem Ausleben von Spieltrieben und der Flucht aus der sonst so festgefahrenen Ordnungsgesellschaft brechen sich vor meinen Augen ihre Bahnen durch das nasse Gras. So würde ich es beschreiben, nachdem ich im Studium gelernt habe, dass der Mensch das angeborene Bedürfnis nach Spielen und leisure time (Zillmann!!) besitzt.

In den Augen eines Außenstehenden, der gerade von einem langen Arbeitstag im Büro nach Hause fährt und die anstehende Kündigung vor Augen hat, mag sich vielleicht auch eine Sehnsucht nach solcher Unkonventionalität regen. Doch in Sekundenschnelle schaltet sich etwas dazwischen. Es ist der gesunde Menschenverstand, der das Kind im Erwachsenen vertrieben, verleugnet und unterdrückt hat. Wie kann man mit Essen spielen, wenn auf der anderen Seite der Welt Kinder verhungern? Wie kann man eine so wunderschön naturbelassene Wiese nur so verschandeln und erst recht SICH SELBST so wahnsinnig verschmuddeln, dass bei dem Versuch des Abduschens entweder der halbe Garten auch noch schmutzig oder die Dusche für die nächsten Stunden unbrauchbar wird? Okay, es klingt schon verlockend, was Kinder so tun können, aber – moment- welche Kinder von heute rennen überhaupt noch wild durch die Pampa und kleistern sich mit Essen und allerhand Klebrigkeiten voll?!

Er würde vielleicht stutzen und sich die Szene genauer anschauen wollen. Vielleicht würde er sein Auto extra hinter einem großen Gebüsch parken, sein Jacket etwas straffer ziehen und dann festen Schrittes auf den Ort des Unheils zusteuern, das Handy gezückt und kurz davor, sämtliche Indizien samt Koordinaten des Schauplatzes und Adressen der für die Kinder haftenden Eltern der 110 durchzugeben. Doch je näher er den umherrennenden Personen kommt, wird ihm bewusst, wo er sich hinein manövriert. Seine frisch gewaschene und exakt gebügelte Hose bekommt hässliche nasse Flecken von dem hohen Gras, auf das es vor kurzer Zeit wie in Kübeln geregnet hat. Auch die Schuhe unseres Herrn nehmen eine andere Farbe an, das schwarze Leder bekommt braune Sprenkel und mit jedem Schritt erzeugen sie ein schönes Schmatzgeräusch auf dem matschigen Boden. Was tun? Jetzt ist er eh schon so weit gegangen, also geht es weiter auf den schon heruntergetrampelten Pfaden. Da er sich jetzt wieder auf sein Ziel konzentriert, bemerkt er nicht, wie seine Hosenbeine und Schuhe nun weiße Flecken von Schlagsahne und Rasierschaum abbekommen. Sein Weg bringt ihn direkt ins Schlachtfeld. Kurz bevor er da ist, will er sich hinter einer Hecke verstecken, doch auf der freien Wiese ist das nicht so leicht. Er geht den kleinen Bach entlang und schaut sich nach einem Versteck um. Doch plötzlich bekommt er von hinten einen unsanften Schubs und landet zusammen mit den zwei Tätern im kalten Wasser. „Jetzt reicht’s, Kinder!“, brüllt er und realisiert plötzlich, dass neben ihm keine Schelme aus der Grundschule schwimmen, sondern junge Erwachsene um die zwanzig, die ihn tropfend nass und beschmiert breit angrinsen. Und nun ist es ihm auch egal. Er lässt sich einfach darauf ein, sein inneres Kind aufleben zu lassen, er stürzt sich ins Getümmel, lacht mit den Anderen, fällt hin, steht auf, fällt wieder und wieder. Im Bach regt sich etwas. *Prrrpppts* – das Smartphone unseres Schreibtischdrückers gluckert vor sich hin, hält sich für einen Moment über Wasser, bis es mit dem eingehenden Anruf des Chefs untergeht. Der Klingelton drosselt sich langsam in tiefere Regionen, bis er schließlich ganz erlischt.

Kinder, Kinder, will man meinen. Unrealistisch ist das und ungesund. Aber so etwas gibt es und nein, so ungesund ist es gar nicht. In einem Artikel der ZEIT hieß es neulich, dass Kinder und Jugendliche doch bitte bitte noch so viel Musse haben sollten, sich nicht nur auf Karriere und Beruf zu konzentrieren, sondern sich auch in sinnlosen Freizeitaktivitäten auslassen sollten. Wie sinnlos die sein sollten, sei mal dahingestellt, aber es gibt genug Dinge, die einfach nicht nur profitorientiert sind und davon ist eine Essensschlacht, wie oben geschildert, nur der Gipfel ;). Wenn man sich nur um das Vorankommen sorgt, ist man unausgeglichen und kommt nicht zur Ruhe bzw. ist nur auf einer Ebene im Leben mehr als ausgelastet. Und das gilt nicht nur für Menschen bis zwanzig. Don’t worry, be happy!

„Fröhlichkeit ist gut für die Gesundheit, Mutlosigkeit raubt einem die letzte Kraft.“ Psalm 17, 22

„Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Tut es mit Dank für das, was er euch geschenkt hat. Dann wird der
Frieden Gottes, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt, euer Denken und Wollen im Guten bewahren, geborgen in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.“
Philipper 4, 6-7

– Kann es eine Art von Gebet sein, durch den strömenden Regen zu rennen oder sich ins Gras zu legen und Wolkentiere oder die Sterne zu beobachten? Und vielleicht sogar, sich mit Wasserpistole und Schlagsahne zu jagen?

Zum Schluss noch ein neuer „Cartoon“ (Skizze) mit Bezug zur Finanzkrise. Eine nette Frau in der Tagesschau haute genau die Formulierung (unter dem Gekritzel) raus und das inspirierte mich zu dem Bild.

La piccola fiore

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