Goldgrube oder Rumpelkammer

Ausrümpeln. Mal wieder Platz machen für Neues. Kurz nach den Feiertagen und kurz vor dem Jahreswechsel ist das durchaus ein Vorsatz, der Sinn macht. Der Eine oder Andere ist gerade noch sinnlich aufgeladen vom Weihnachtsfest, sodass er in sonst trivialen Dingen den tieferen Sinn sucht. Und dann liegt da das neue unverbrauchte Jahr vor einem, 365 neue Tage, die uns die Hand entgegenstrecken mit den Worten: „Auch dieses Jahr bekommst du uns im Gratispaket dazu.“ Und geflüstert kommt hinterher: „ … bitte geh gut mit uns um. Dein Leben soll kein Schrottplatz verschwendeter Tage werden. Es gibt genug davon.“

Vorsätze für das neue Jahr können wir oft auf Basis der verhauenen des letzten Jahres treffen. Wenn bestimmte Fehler im vergangenen Jahr gemacht wurden oder eine Sache immer und immer noch nicht geklappt hat, will man sie irgendwann eben doch unbedingt durchsetzen. Trotzdem bleiben viele VORsätze ohne Fortsetzung, ohne Nachwort. Im Bereich Marketing und Public Relations ist man es gewöhnt, bestimmte Maßnahmen und Konzepte auf ihre Praxistauglichkeit und Effekte zu untersuchen. Können wir das, was wir uns vornehmen, einer Zwischen-Evaluation unterziehen? Oder ist uns die Puste schon nach den ersten drei Monaten des nun schon nicht mehr so neuen Jahres ausgegangen? Sind wir spontan umgeschwenkt, weil die Umstände uns andere Zwischensätze eingebaut haben, die uns im Moment wichtiger waren? Die Endevaluation zeigt dann wieder bekannte Ergebnisse an: Ungenügend. Ziel oder Verantwortlicher fehlerhaft.

Die Erlebnisse und Erfahrungen zwischen den VORsätzen und ihrer Auswertung, die gelebten und Stunde für Stunde beschriebenen 365 Seiten eines jeden Jahres, sind auch trotz dem ihnen teilweise anhaftenden Schrottplatzcharakters von einem gewissen Charme geprägt. Wir Menschen haben das großartige Talent, unsere Realität in bestimmten Lichtern zu betrachten. Wir färben uns besonders gern Vergangenes betont dunkelgrau, Anderes sehen wir mit nostalgisch verklärtem Blick in Rosarot. Kein Geheimnis. Das Geheimnis ist, dass wir die Brillen und das Licht auch in dem Moment, in dem wir leben, austauschen können.

Ich hab die Tage mal meine virtuelle Rumpelkammer durchforstet. Wenn man schon viel Materielles von „früher“ weggeschmissen hat, dann ist so ein Ordner mit Bildern und Geschriebenem echt der perfekte Ort, um das nostalgisch verklärte Licht anzuknipsen. Uralte Fotos von sämtlichen Freunden, mögliche und unmögliche Frisuren, Erinnerungen an die festgehaltenen Momente und die Szenerien drum herum, an Leute, mit denen ich stundenlang geschrieben und sie dann aus dem Blick verloren habe, welche, die ich so schon gar nicht mehr kannte oder erkannte. Musik, die ich damals gehört habe und die Soundtrack von dem einen oder anderen Drama oder Glücksgefühl wurde. Erinnerungen an Schule und Phasen, die ich selbst oder Freunde von mir durchgemacht haben. Schlimm, peinlich, genial, aber auch prägend.
Dieses bunte Sammelsurium ist der Beweis: konkrete Vorsätze oder einfach die Handschrift des Lebens- sie verändern. Über kurz oder lang, ob im nächsten Jahr oder noch in den zwei Tagen vor dem Jahreswechsel. „Alles hat seine Zeit.“ Prediger 3,1

Ich wünsche allen Lesern einen guten Rutsch. Denkt dran: es ist nicht immer alles auf einmal dran. Wir sind als Menschen eh nicht in der Lage, eine ganze To-Do-Liste bezüglich unserer Vorsätze zu erfüllen. Manche Dinge müssen einfach unterschwellig arbeiten. Bis sie sich dann verändert haben, kann man auch erst mal versuchen, sie mit anderen Augen wahrzunehmen.

La piccola fiore

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