Atemlos in der Bahn

 

Ich wollte nur mit dem Zug fahren. Nach einer stumpfsinnigen Weile hält er an und eine Horde Menschen drängt durch die Türen. Vorneweg eine ganze Reihe Polizisten, uniformiert, die Handschellen bereit und so. „Da kommen jetzt einige Fußballfans. Sie können in den nächsten Waggon gehen, wenn Sie wollen.“ Keiner rührt sich.

Ich denke mir: „Wird schon nicht so schlimm sein.“ Denn ich habe damit ja schon Erfahrungen gemacht. Und ich erinnere mich zurück an eine Zugfahrt, während derer ich zwischen den gut betuchten bzw. beschalten Fans stehen musste und keinen Doppelplatz wie dieses Mal für mich beanspruchen konnte.

Beschützt von dem breitschultrigen Polizisten kann ich also tun, was ich will, während die Fans des rollenden Balls sich im Gang und auf den Treppen zur oberen Zugetage niederlassen. Ach ja, alles tun, was ich will. Genau. Es sei denn, es beansprucht zu viele Areale des Gehirns. Denn wer hätte das gedacht: Jugendliche und Junggebliebene mögen Musik! Und diese am besten laut. In bester Soundqualität über das Handy oder was weiß ich für ein technisches Gerät, das so richtig schön plärrt. Und von Fußballfans, naja, da erwartet man vielleicht die gängigen Hymnen. Bisschen was von wegen BÄM.atemlos

Da sitzen wir, die Rentner und ich. Gespannt, was kommen mag. Doch die Spannung lässt bald nach. Helene Fischer macht ihrem Song alle Ehre: Atemlos. Atemlos sitzen wir in dem überhitzten und überfüllten Zug. Atemlos, weil sie das Lied unbedingt eine geschlagene Stunde am Stück singen muss. Und es fängt immer wieder von vorne an, die Stimme wird nicht heiser. Irgendwann können die Fans sogar geschlossen mit“singen“.

Selbst als die Polizisten nach wenigstens „einer anderen Version“ des Liedes fragen, wird nur mit den Schultern gezuckt. Und losi geht’s, von vorn, und alle zusammen! Wenn man sieht, wie ein Mädchen um die Zwanzig inbrünstig und mit gläsernen Augen diesen tiefsinnigen Text mitsingt, sich quasi die Seele aus dem Leib schreit – irgendwie schleichen sich da Zweifel an der Welt ein. Vielleicht, so dezent.

Die Jugend war schon immer komisch. Aber dass sie mal die Rentner, die ja eigentlich für ihren Schlager bekannt sind, mit ihren eigenen Waffen schlagen (im wahrsten Sinne des Wortes) … Respekt.

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