Gedankentauchen: 11 Sehfehler, die gute Beziehungen verhindern

Gedankentauchen Enten

Als diese Woche der Frühling die ersten Fühler ausstreckte, ich Blumen im Garten entdeckte und blaue Himmelsfetzen, da fiel es mir ein. Das alljährliche Bewundern der auflebenden Natur. Und so normal, unspektakulär oder alltagsfern das klingen mag – der Moment, in dem ich mir Zeit nahm, um auf die allmählich grünenden Bäume, die Helligkeit der Sonne und das unüberhörbare Zwitschern der Vögel zu achten, hat mich innerlich zur Ruhe kommen lassen. Was habe ich getan? Ich habe das Schöne betrachtet, die motivierende Veränderung und die Lebendigkeit der Natur.

„Du bist, was du isst.“ – heißt es. Und was du konsumierst. Zumindest kreisen die Gedanken um all die Inhalte und Eindrücke, die uns die Realität und die Medien vermitteln. Je mehr die sozialen Medien (Me-dia) um das Ich kreisen, desto fokussierter sind wir Menschen auf das Polieren der eigenen Scheinwelt. Ich vermute, dass die heutige Kultur der Selbstdarstellung versucht, die unauthentische Darstellung durch ungefilterte Angebote wie Snapchat zu kompensieren. Dennoch ist die Jugend von heute deutlich vorsichtiger mit dem Veröffentlichen der ungeschönten Realität. Das ist zum Einen Medienkompetenz, zum Anderen sicher auch das gruppenkonforme „eigentlich ist alles gut“. Unvermögen zu zeigen ist nicht wirklich in, weil wir Vorbilder suchen. Starke Persönlichkeiten, die auch mal versagen, okay. Aber was ist mit den Durchschnittsmenschen, die nichts besonderes aus sich machen wollen, mit Social Media nichts anfangen können oder Krisen nicht erst mit anderen teilen, wenn sie einen 10 Punkte-Plan zur Lösung präsentieren können?

Natürlich lasse ich mit meinen Thesen die Negativbeispiele unter den Tisch fallen. Was ist mit dem Hartz-IV-TV, wo die traurige Realität oder das manipuliert lächerlich dargestellte Klischee etwas völlig anderes zeigt? Der Abwärtsvergleich versetzt den Menschen zwar nicht in Konformitäts- und Perfektionsdruck, dafür aber in ein seufzendes Auf-die-Schulter-Klopfen, das wieder niemandem außer dem Ich dient.

Gedankentauchen Schatten

Ich bin absolut kein Profi, was sozialen Umgang betrifft. Aber wie Hannah Brencher in einem Vortrag sagte – „Du kannst es nur noch nicht.“ Noch nicht so gut, immerhin bin ich schon lange auf der Welt und habe gelernt. Trotzdem finde ich es nicht einfach über Schwächen zu schreiben, weil man so schnell den Eindruck bekommt, die ganze Welt wäre sozial kompetent, könnte Smalltalk mit jedem Menschen improvisieren und sich in Diskussionen gehört positionieren. Ich kenne Situationen, in denen fühle ich mich, als würde ich mich selbst betrügen. Weil ich mit meinem Verhalten von dem Bild von mir selbst, in meinem Kopf, abweiche. „Du bist doch sonst auch nicht so ruhig, jetzt sag doch endlich mal was.“ oder „Diese Diskussion geht mir sowas von gegen den Strich, aber ich überwinde mich nicht dazwischen zu platzen.“ oder „So dreist/emotional/sachlich … bist du doch sonst auch nicht, stoß mal niemanden vor den Kopf, wenn du jetzt ehrlich deine Meinung sagst.“ Ist das nicht Mist?

Jedenfalls suche ich jetzt nach Strategien, um das Thema entspannter und realer zu sehen. Ich glaube nämlich, dass das Bild in meinem Kopf nicht die Realität darstellt, die Gott für mich vorgesehen hat. Dass auch du, wenn du vielleicht manchmal Lügen über dich selbst glaubst, nicht dazu gezwungen bist, daran festzuhalten. Ein Weg, den ich hier erst einmal theoretisch angehen möchte, ist das Verschieben des Fokus von dem Ich auf andere.

Es heißt in der Bibel nicht umsonst, dass wir durch das Ansehen von Jesus und seinem Vorbild verwandelt werden – nicht nur durch geistige Anstrengung, weil wir uns intellektuell so gut auskennen, sondern durch Gottes Geist (vgl. 2. Korinther 3, 17-18). Abgesehen davon, wie faszinierend die Veränderung ist, die wir dabei erleben dürfen, hängt mit der Beziehung zu Gott auch stark die Beziehung zu anderen Menschen zusammen. Das ist eine Erkenntnis, die mich in letzter Zeit häufig beschäftigt hat. Denn das bedeutet, andere Menschen ebenfalls anzusehen und zwar ehrlich, unvoreingenommen und mit guten Absichten. Und zwar nicht nur die, die wir so gern haben, weil sie so unkompliziert sind und genauso ticken wie wir, sondern auch die anderen, mit denen wir vielleicht öfter zu tun haben als uns lieb ist.

Gedankentauchen Raupen

Ich habe mal eine Liste zusammengestellt, die wiedergibt, durch welche gefärbten Brillen wir Menschen immer wieder begegnen, die wir für ein ehrliches Ansehen wohl entfernen müssten:

  1. Bestätigung der eigenen Person durch das Gegenüber
  2. Einhalten eines Pflichtverhältnisses und Interagieren allein innerhalb dieses Rahmens (Familie, Kollegen, Konkurrenz etc.)
  3. Suche nach Fehlern während der Interaktion statt das Gute zu sehen
  4. Festhalten an vergangenen Fehlern und Unvergebenheit
  5. Vergötterung der Person, ihres Verhaltens, ihres Aussehens, ihres Status, ihrer Kompetenz etc.
  6. Nutzengedanken und Manipulation zugunsten des eigenen Vorteils
  7. Rollenzuweisungen und Degradierung oder überhöhter Respekt aufgrund der Rollen (Bekanntheitsgrad, Vorgesetzter, Rollenbilder in einer Paarbeziehung etc.)
  8. Festhalten an Vorannahmen über das Gegenüber (religiöse oder politische Einstellungen, gesellschaftlicher Status, Bildungsgrad, Charaktereigenschaften, Gruppenkonkurrenz, Geschlecht etc.)
  9. Altersbezüge und die Vorstellungen über zuordenbare Reifegrade
  10. Glauben von Fremdaussagen über das Gegenüber (XY hat erzählt, dass er/sie das und das ist/denkt/sagt/tut …)
  11. Annahmen über Urteile des Gegenübers (angenommene Konkurrenzgedanken, Abwertung etc.)

Ist das nicht eine Menge Müll, der sich zwischen Menschen auftürmen kann? Die Liste könnte bestimmt noch erweitert werden.

Ich möchte mich und euch herausfordern, neues Interesse und Freude an Beziehungen zu Menschen zu entwickeln, denen wir vorher mit Mauern im Kopf gegenüberstanden. Es ist möglich, ein Ansehen einzuüben, das das Gegenüber etikettenfrei betrachtet, sich nicht vergleicht und stattdessen von Liebe ausgeht. Wo Liebe ist, ist kein Platz für Bewertungsangst, Perfektionismus und Leistungsdruck. Liebe möchte geben, einfach weil sie Liebe ist. Und besonders in diesem Zusammenhang der gar nicht immer so einfachen Interaktion von Menschen zeigt sich, dass Liebe praktisch ist. Und ganz ehrlich – theoretisch darüber zu schreiben ist für mich so viel einfacher als die Umsetzung. Aber ich hoffe, dass allein schon die gedankliche Auseinandersetzung damit Mauern abbaut.

Vielleicht hilft es dir ja, konkrete Beispiele für die oben genannten Beziehungsmauern aufzuschreiben. Wir kennen wahrscheinlich oft schon unsere „Problemkinder“, aber versuchen die Konfrontation zu vermeiden. Mir hat es neulich geholfen zu hören, dass Gott in genau diesen Problembeziehungen am stärksten wirkt – in meiner größten Schwachheit liegt seine stärkste Gnade und Kraft. Klingt abstrakt? Wenn ich das als Realität in meine Gedanken aufnehme, finde ich das gar nicht mehr abstrakt, sondern erlebe es als starke Unterstützung.

Wenn ihr mögt, könnt ihr in den Kommentaren gern erzählen, wie euer Umgang mit diesem Thema aussieht!

So we don’t need to sugarcoat it, we don’t need to act like we have it all together. […] We just need to make sure that we pay attention to one another. That we step out into the world being exactly the leaders we are called to be, not faking it so that we can make sure that people like Sarah don’t slip through the cracks. […] You’re okay. You got up today so you’re okay.“ Hannah Brencher, She’s the First

PS: Schaut euch mal das tolle Projekt von Hannah an: http://www.moreloveletters.com/

Hannahs TED Talk: https://www.youtube.com/watch?v=LVFVaWCV1TE

Außerdem hat sie ein Buch dazu geschrieben 🙂 –

Hannah Brencher – If You Find This Letter: My Journey to Find Purpose Through Hundreds of Letters to Strangers

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